Projekt Feedflucht – Warum ich jetzt auch LinkedIn den Rücken kehre

Wer diesen Blog länger liest, weiß: Ich bin nicht der Mensch, der jede neue App testet und begeistert davon schwärmt. Ich bin der Mensch, der irgendwann merkt, dass er abends mit dem Handy in der Hand eingeschlafen ist – und morgens als Erstes wieder in den Feed gegriffen hat. Ich war mitten im Tunnel. Doomscrolling, Algorithmus-Futter, das dumpfe Gefühl, dass nicht ich entscheide, was ich sehe, sondern jemand anderes, der an meinem Daumen verdient.

Genau daraus ist mein kleines Seitenprojekt entstanden: feedflucht.org.

Was dort zu finden ist

Feedflucht ist kein Blog im klassischen Sinne, sondern eher ein Buch, das online liegt. Es erzählt einen Weg in Kapiteln: vom Tunnel (Diagnose – Doomscrolling, Algorithmen, Datensammler) über den Ausstieg (Accounts löschen, Daten retten) und die Alternativen (Tunneldienste ersetzen, zum Beispiel WhatsApp durch Signal) über die Werkzeuge (freie Software, die dich handlungsfähig macht – Passwortmanager, RSS-Reader) bis zum Anschluss (was echte Verbindung statt Einsamkeit bedeutet) und schließlich ins Freiland: das Leben nach der Flucht, das kein Verzicht ist, sondern Gewinn.

Das Ganze ist bewusst nüchtern gebaut: eine statische Website, kein Tracking, keine Anmelde-Zwänge, kein Cookie-Banner-Chaos. Freie Software, wo es geht. Das Inhaltsverzeichnis erzählt denselben Weg, den die Seite beschreibt – man liest sich sozusagen selbst heraus.

Meine Motivation

Ich schreibe diese Seite für mein früheres Ich. Für den Menschen, der abends „nur kurz“ nachschauen wollte und zwei Stunden später noch wusste, dass er morgen müde sein wird, aber nicht, warum er das überhaupt geguckt hat. Für Menschen, die allein sind, denen langweilig ist, die das Gefühl haben, ohne die Apps den Anschluss zu verlieren.

Es geht mir nicht darum, irgendeinem Guru-Gehabe zu frönen oder Askese zu predigen. Es geht um ein Versprechen: Du kriegst dein Leben zurück. Und um die Erkenntnis, dass freie Software dabei nicht das Ziel ist, sondern das Werkzeug.

Gebaut mit Hugo – in zwei Abenden

Und weil bei Feedflucht auch das Werkzeug Teil der Botschaft ist, ein Satz zum Bau der Seite: Sie steht auf Hugo.

Hugo ist ein sogenannter statischer Website-Generator – ein freies, quelloffenes Programm, das aus einfachen Markdown-Texten komplette Websites erzeugt. Kein Content-Management-System mit Datenbank, kein Plug-in-Zoo, keine Update-Orgien: Man schreibt seinen Text in Markdown, ruft Hugo auf, und heraus kommt eine Website aus reinen HTML-Dateien, die man auf jeden beliebigen Webspace legen kann. Das Ergebnis ist schnell, sicher und wartungsarm – und passt damit perfekt zur Philosophie des Projekts.

Mein Workflow war denkbar simpel: Auf meinem Linux-PC lag ein kleines Einrichtungsskript, das mir die Hugo-Installation und das Grundgerüst abnahm. Dann habe ich schlicht Markdown geschrieben – Kapitel für Kapitel, genau wie beim Buchdenken. Ein weiteres Skript ließ Hugo daraus die statischen Seiten bauen und lud sie im gleichen Zug per SFTP auf den Webserver. Fertig.

Das Schöne daran: Das gesamte Projekt Feedflucht hat mich zwei Abende Arbeit gekostet. Von der Idee bis zur Live-Website. Kein CMS-Setup, kein Theme-Gefrickel über Wochen, keine Hosting-Fallstricke. Wenn das kein Argument für freie Software als Werkzeug ist – zwei Abende, ein Texteditor, und man hat eine eigene Stimme im Netz, die niemandem gehört außer einem selbst.

Warum ich mich nun auch von LinkedIn distanziere

Und genau aus diesem Grund folgt jetzt ein Schritt, den ich lange vor mir hergeschoben habe: Ich verabschiede mich von LinkedIn.

Für lange Zeit redete ich mir ein, LinkedIn sei das „kleinere Übel unter den Algorithmen“ – das notwendige Übel, weil man als Verwaltungsdigitalisierer halt „dort sein muss“. Aber schauen wir ehrlich hin: LinkedIn ist kein anderes Netzwerk. Es ist derselbe Mechanismus in einem Anzug. Der Algorithmus entscheidet, wer meinen Beitrag sieht. Die Verweildauer ist die Währung, also wird auch dort gescrollt, getrackt und optimiert – nicht an meinen Inhalten, sondern an meiner Aufmerksamkeit. Aus „Netzwerkpflege“ wurde wieder Doomscrolling, nur mit Business-Kontext. Ich ertappte mich dabei, wie ich abends „beruflich“ in der App hängen war und am Ende klüger über die Krawattenfarbe fremder Führungskräfte war als über meine eigenen Projekte.

Das passt nicht mehr zu dem, was ich auf feedflucht.org schreibe. Und wenn etwas nicht mehr zu dem passt, was ich predige, habe ich zwei Möglichkeiten: aufhören zu predigen oder anfangen zu handeln. Ich habe mich entschieden.

Mastodon und mein RSS-Feedsammler

Wo bin ich stattdessen? Im Fediverse. Auf Mastodon gibt es keinen Algorithmus, der mir vorgaukelt, was „relevant“ ist – dort entscheidet allein ich, wem ich folge, und der Feed ist chronologisch, so wie es sein soll. Wer mich erreichen will, erreicht mich dort; wer nur meine Aufmerksamkeit will, geht leer aus.

Und auf meinem Mobiltelefon hat sich etwas noch Grundsätzlicheres verändert: Ich habe einen RSS-Feedsammler installiert. Statt einer App pro Nachrichtendienst – jede mit eigenem Tracking, jede mit eigenen Push-Benachrichtigungen, jede gebaut, um mich zurückzuholen – abonniere ich meine Nachrichtenkanäle jetzt direkt an der Quelle. Die Websites, die mir wichtig sind, haben RSS-Feeds. Mein Feedsammler sammelt sie ein, ich lese sie, wann ich will, und dann ist Schluss. Kein „nur noch ein Beitrag“, kein Auto-Play, kein unendlicher Nachschub. Die Nachrichten enden, wenn die Nachrichten enden – ein Zustand, der bei Algorithmus-Feeds nachweislich nie eintritt.

Das klingt nach Nostalgie, ist aber das Gegenteil: Es ist die modernste Form von Souveränität im Netz. Ich habe die Kontrolle über meine Aufmerksamkeit zurück – und mein Handy hat keine App mehr, die mich ausspioniert oder zum Doomscrolling animiert.

Der Weg aus dem Tunnel

Ich weiß, wie sich der Tunnel anfühlt. Ich weiß auch, wie sich das Freiland anfühlt. Den Weg dazwischen muss niemand allein gehen – dafür steht feedflucht.org, Kapitel für Kapitel.

Und LinkedIn? Dorthin führt kein Weg zurück. Wer mich finden will: Der Hashtag #feedflucht ist offen. Der Rest steht auf der Website.

Zitiervorschlag:
mpooch (2026): Projekt Feedflucht – Warum ich jetzt auch LinkedIn den Rücken kehre.
Verwaltungsrebell, ISSN 3054-1271.
https://verwaltungsrebell.blog/projekt-feedflucht-warum-ich-jetzt-auch-linkedin-den-ruecken-kehre/

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